3 Fragen an … Prof. Dr. Gerald Hüther

3 Fragen an … Prof. Dr. Gerald Hüther

 

1. Was fasziniert Sie am Gehirn?

Als Biologe finde ich es spannend herauszufinden, wie sich lebende Systeme organisieren. Bis zu einer gewissen Stufe lässt sich die Herausbildung von Organismen oder einzelnen Organen recht gut als Resultat der Expression genetischer Anlagen beschreiben. Aber in Bezug auf unser menschliches Gehirn klappt das nicht mehr so einfach. Hier werden ja im Verlauf der Hirnentwicklung immaterielle Beziehungserfahrungen in strukturell verankerte Beziehungsmuster – also erfahrungsabhängig herausgeformte neuronale bzw. synaptische Netzwerke – umgewandelt.

Anschließend nutzen wir dann die so entstandenen Verschaltungsmuster, um wiederum etwas Immaterielles – Gedanken, Vorstellungen, Theorien, Sprache und Kultur – hervorzubringen. Um zu verstehen und zu beschreiben, was da passiert, kommen wir mit unserem bisherigen Ursache-Wirkungs-Denken nicht mehr weiter.

Das ist es, was mich am Gehirn fasziniert: Um zu verstehen, wie es sich strukturell und funktionell organisiert, müssen wir wohl anders denken lernen als bisher. Weniger in Bezug auf die sichtbaren Strukturen und stattdessen stärker in Bezug auf die Beziehungen, die bestimmte Strukturen erst hervorbringen. Weniger die Phänomene beschreibend, sondern ihre Herausformung betrachtend und das Zerlegen des Ganzen in seine Einzelteile setzend, sondern die Synthese, das Zusammenfügen der Teile und Wissensinhalte in den Mittelpunkt stellend. Und wir werden das Gehirn wohl auch kaum verstehen, solange wir nicht bereit sind, das subjektive Erleben und die subjektive Bewertung als entscheidend für das zu betrachten, was im Gehirn eines Menschen abläuft.

Und schließlich werden wir uns wohl auch von der Vorstellung verabschieden, es gäbe „den Menschen“ oder „das Gehirn“ im Singular. Wir alle und unsere Gehirne sind erst durch unsere sozialen Beziehungserfahrungen so geworden, unser Gehirn ist also ein soziales Konstrukt. All das wird sich nur verstehen lassen, indem wir das Prinzip der Selbstorganisation zum zentralen Paradigma für das Verständnis der funktionellen und strukturellen Entwicklung lebender Systeme machen.

 

2. Warum ist die Hirnforschung wichtig für das Verständnis des Menschseins?

Diese Frage lässt sich nicht beantworten, ohne vorher zu klären, was wir unter „Hirnforschung“ verstehen wollen. Die Suche nach der molekularen Arbeitsweise von Ionenkanälen an Nervenzellmembranen ist ja ebenso „Hirnforschung“ wie die Psychopharmakologie, die Psychoneuroendokinologie, die Elektrophysiologie und was es da noch alles an spezialisierten Teildisziplinen gibt. Wenn es gelingt, aus Stammzellen einen erbsengroßen Zellhaufen zu züchten, der einige Merkmale eines embryonalen Gehirns aufweist, so wird das ebenso als Erfolg der Hirnforschung gefeiert wie der Einsatz neuer Verfahren zur transkraniellen Magnetstimulation oder zur Steuerung bestimmter Hirnfunktionen mit Hilfe von implantierten, computergesteuerten Mikroelektroden.

„Hirnforschung“ ist also eine äußerst vielfältige Disziplin. Wenn man Hirnfunktionen immer besser von außen, also mittels elektronischer, elektromagnetischer oder psychopharmakologischer Eingriffe steuern kann und das nicht nur bei bestimmten Erkrankungen, sondern auch zur gezielten Steigerung bestimmten Teilleistungen bei Gesunden, so hat das sicher Auswirkungen auf unser eigenes Selbstverständnis und unser Selbstbild des Menschen.

Ich selbst trage viele Befunde aus dem Bereich der Hirnforschung zusammen und verbreite sie in der Öffentlichkeit, weil ich die Hoffnung habe, dass wir uns selbst etwas besser verstehen, wenn wir zumindest einigermaßen wissen, was in unserem Gehirn abläuft, wie es sich strukturiert und wie es uns gelingen kann, eingefahrene Denk- Fühl- und Verhaltensmuster zu verändern.

 

3. Was ist die größte Herausforderung für die Hirnforschung der Zukunft?

Auch diese Frage wird jeder Hirnforscher aus der jeweiligen Perspektive seiner Bemühungen anders beantworten. Manche halten die weitere Optimierung bestimmter Hirnleistungen für zentral, andere – und dazu zähle ich auch mich selbst – bemühen sich darum, die Rahmenbedingungen, also vor allem die sozialen Beziehungen in menschlichen Gemeinschaften günstiger zu gestalten, um die im Gehirn eines jeden Menschen angelegten Potenziale besser als bisher zur Entfaltung zu bringen.

 

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