Interview: Prof. Dr. Martin Lambeck

Professor Doktor Martin Lambeck ist Physiker und Mitglied im Wissenschaftsbeirat der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften GWUP

 

Ich habe an zahlreichen interdisziplinären Diskussionen teilgenommen. Zu einem wirklichen Dialog kommt es nicht.

 

Vorbemerkung von Professor Lambeck:
“Ich verstehe unter Wissenschaft die Physik. Nicht, weil ich sie für wichtiger als die anderen Wissenschaften hielte, sondern weil ich davon mehr verstehe. Ich kann nicht für Historiker oder Graecisten sprechen.”

 

CG: Was verbirgt sich hinter der Zahl 137? Und warum ist sie so bedeutend für die Physik?

ML: Wenn man die Wechselwirkung von Licht mit Elektronen berechnet, kommt man auf die Zahl 137,036. Warum die Naturkonstante gerade diesen Wert hat, weiß zur Zeit niemand. Wir haben sie als Tatsache zu akzeptieren, ebenso wie die Lichtgeschwindigkeit. Ob eines Tages ein zweiter Einstein diese Zahl „erklärt“, indem er sie mit anderen Eigenschaften der Physik verbindet, bleibt abzuwarten.

 

Ich kenne keine einzige Entdeckung, bei der Jungs Ideen eine Rolle gespielt hätten.

 

CG: Welche Bedeutung hat Wolfgang Pauli für die Physik? Und wieso ist er der breiten Bevölkerung so viel unbekannter als Einstein, Heisenberg und andere?

ML: Einstein ist bekannt durch seine Masse-Energie-Beziehung, die grundlegend für Kernenergie und Atombombe ist, sowie für die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie. Heisenberg ist bekannt für seine (meist falsch verstandene) Unbestimmtheitsrelation. Diese werden in der populärwissenschaftlichen Literatur oft zitiert.
Pauli hat großartige Beiträge zur Physik geleistet. Die wichtigsten waren die Voraussage der Neutrinos, die 25 Jahre später gefunden wurden und das Ausschließungsprinzip, das das periodische System der Elemente erklärt. Beides interessiert Nichtphysiker überhaupt nicht.
Außerdem hatte Einstein ein strahlend-charismatisches Auftreten, während Pauli als eher schwierig beschrieben wird.

CG: C. G. Jung hat geschrieben: „Das Niemandsland zwischen der Physik und der Psychologie des Unbewussten ist das faszinierendste, doch auch dunkelste Jagdgebiet unserer Zeit.“ Gibt es dieses Niemandsland überhaupt? Oder glauben wir nur, es müsste da sein, quasi als Brücke zwischen den Kulturen? (Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft)

ML: Da hat Jung sich überschätzt. Die Physik hat seit Jungs Tod gigantische Fortschritte gemacht. Ich kenne keine einzige Entdeckung, bei der Jungs Ideen eine Rolle gespielt hätten.
Jungs Biograph Paul J. Stern schreibt: „So bemerkte er [Keyserling], Jahrzehnte bevor Jungs Autobiographie den verblüffenden Beweis dafür lieferte, dass Jung im Grunde seines Wesens ein Spinner war (…)“ [Stern P.J. : C.G. Jung – Prophet des Unbewussten. Serie Piper Band 896. 2. Auflage 1988. S. 213]

CG: Pauli verstand Jungs Archetypen-Konzept als Brücke zwischen Sinneswahrnehmungen und Ideen, und damit als notwendige Voraussetzung für die Entstehung einer naturwissenschaftlichen Theorie. Teilen Sie diese Ansicht?

ML: Ich habe den Pauli-Jung-Briefwechsel nicht gelesen. In Rezensionen wird darauf hingewiesen, dass Pauli und Jung unter „Archetypen“ Verschiedenes verstanden.
Mit der Entstehung naturwissenschaftlicher Theorien haben Archetypen (was immer das sein möge) nichts zu tun.
Simonyi [Simonyi K.: Kulturgeschichte der Physik. Urania Verlag Leipzig Jena Berlin 1990] zitiert Pauli auf 25 Seiten, Jung gar nicht. „Archetyp“ kommt nicht vor.

 

Die Natur ist die einzige Autorität.

 

CG: Woher kommen wissenschaftliche Ideen? Wie funktioniert wissenschaftliche Erkenntnis? Und welche Rolle hat dabei die Intuition?

ML: Der wissenschaftliche Fortschritt entsteht aus dem Bestreben, alles immer noch besser, genauer zu machen und besser zu verstehen. Denken Sie an den Laser und die Technik, die heute in Handy und Navi steckt. Es geht sowohl um den technischen Fortschritt als auch um verbesserte Erkenntnis der Natur.

Bohr zitierte gern Fontane:
“Gaben, wer hätte sie nicht?
Talente – Spielzeug für Kinder.
Erst der Ernst macht den Mann,
erst der Fleiß das Genie.“

Wissenschaftliche Erkenntnis ist das Ergebnis harter Arbeit. Intuition kann sich erst entfalten vor dem Hintergrund schwer erarbeiteter Kenntnisse. Das Ergebnis der Intuition ist dann an der Realität, das heißt der Natur zu prüfen. Die Natur ist die einzige Autorität.

CG: Wolfgang Pauli hat einen Konflikt zwischen seiner wissenschaftlichen und seiner intuitiven bzw. emotionalen Wahrnehmung der Welt ausgemacht. Er hat geschrieben: „Ich glaube nicht an die Zukunftsmöglichkeit der Mystik in der alten Form, (wohl) aber glaube ich, dass die Naturwissenschaften aus sich selbst heraus einen Gegenpol in ihren Vertretern hervorbringen werden, der an die alten mystischen Elemente anknüpft.“ Gibt es Anzeichen für einen solchen Gegenpol? Aus welcher wissenschaftlichen Disziplin könnte er kommen?

ML: Ungefähr in dieser Richtung arbeitet Prof. Dr. Dr. Harald Walach (Philosoph und Psychologe) in der Universität Frankfurt/Oder. Ich teile seine Ansichten nicht.

 

Wie funktioniert der Vogelzug?

 

CG: Inwieweit setzen die Fachsprachen die Grenzen der Erkenntnisfähigkeit? Oder anders gefragt: Müssten sich die Wissenschaften dem interdisziplinären Dialog nicht viel mehr öffnen, um neue Impulse zu erhalten?

ML: Japaner, Chinesen, Juden und Araber treiben dieselbe Physik wie wir indogermanisch Sprechenden. Die Sprache, die Fachsprache und das kulturelle Umfeld sind keine Hindernisse. Ich habe an zahlreichen interdisziplinären Diskussionen teilgenommen. Zu einem wirklichen Dialog kommt es nicht. Sowie das Gespräch ernsthaft wird, unterbricht der Moderator und stellt die nächste Frage. Mit wem wollen Sie über was sprechen?

CG: Wenn Sie jemandem eine Frage stellen könnten, egal wem (lebendig, tot, imaginär) und zu welcher Zeit (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) und auf jeden Fall eine Antwort erhalten würden: Was würden Sie fragen?

ML: Wie funktioniert der Vogelzug über Tausende km über das Meer (auch bei Fischen und Schildkröten). Die bisherigen Erklärungen mit Sternbeobachtung und Magnetfeld befriedigen mich nicht. Was sieht das Tier, das ich nicht sehe?

 

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