Interview: Jens Johler

Jens Johler ist Schriftsteller. Er verfasste Features, Theaterstücke, Erzählungen und Romane. Sein jüngstes Buch “Die Stimmung der Welt” über Leben und Werk Johann Sebastian Bachs erschien vor wenigen Tagen im Alexander Verlag.

 

Hirnforscher, die von Determinismus sprechen, sind über den Stand von Wasserpfeifenmechanikern nicht hinausgekommen.

 

CG: In Ihren Romanen Gottes Gehirn und Kritik der mörderischen Vernunft spielen die Hirnwissenschaften zentrale Rollen. Was macht die Beschäftigung mit dem Gehirn für Sie so faszinierend? Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

JJ: In dem Roman Gottes Gehirn war die Neurowissenschaft zunächst nur eine Wissenschaft unter anderen, die sich mit der „Verbesserung des Menschen“ befassen. Oder, wie es darin heißt, dem Upgrade des Menschen, der seinerseits nur als Upgrade des Affen verstanden wird.

Mit Genetik, Künstlicher Intelligenz, Neurochirurgie, Quantenphysik und sogar Astrophysik, weil wir ja die Erde rechtzeitig evakuieren müssen, bevor die Sonne zum roten Riesen wird.

Erst durch die Thriller-Idee, Gehirne von Nobelpreisträgern aus den verschiedensten Disziplinen zu einem Superhirn zu verknüpfen, bekam die Hirnforschung in dem Roman ihren besonderen Rang. Und dann hat mich das Thema nicht in Ruhe gelassen. Zu viele Fragen waren noch offen geblieben.

In der Kritik der mörderischen Vernunft geht es ausschließlich um die Neurowissenschaften und um die Frage des Freien Willens.

Kritik der mörderischen Vernunft

CG: In Kritik der mörderischen Vernunft wird die Hirnforschung massiv kritisiert und – wenn ich es mal ein bisschen überspitzt formulieren darf – sogar dämonisiert, indem schon die Beschäftigung mit ihr als moralisch zweifelhaft dargestellt wird. Zitat: „Das war der Mythos, von dem die Wissenschaft noch immer zehrte: Dass es darum ginge, herauszufinden, wie es ist – anstatt darum, wie man es beherrschen kann. Die berühmte Formel von Francis Bacon, Wissen ist Macht, bedeutet aber: Nur das soll als Wissen gelten, was uns hilft, die Natur zu beherrschen. Es ging nicht um Naturverständnis, sondern es ging um Naturbeherrschung. Und noch ein weiterer Irrglaube über die Wissenschaft hielt sich aller Kritik zum Trotz mit erstaunlichem Beharrungsvermögen: der Glaube, dass die Wissenschaft neutral sei.“

Wird damit nicht ein ganzer Berufsstand unter Generalverdacht gestellt? Und: Setzt Naturverständnis nicht Naturbeherrschung in dem Sinne voraus, dass man nur das verstehen kann, von dem man weiß, wie es funktioniert – was zwangsläufig darauf hinausläuft, dass man es (mit geeigneten Mitteln) dann auch beherrschen kann?

 

JJ: Mit Ihrer letzten Frage treffen Sie genau den Punkt: Naturverständnis und Naturbeherrschung sind in der Naturwissenschaft methodisch nicht zu trennen, weil nur das als Wissen gilt, was durch das Experiment bestätigt wurde. Das gilt zumindest für einen weiten Bereich. Beim Urknall ist es vielleicht ein wenig anders, ich wüsste nicht, wie man den beherrschen sollte. Aber das Gehirn „verstehen“ heißt das Gehirn beherrschen, um diese Erkenntnis kommen wir nicht herum. Jedes Experiment ist ein Naturbeherrschungs-Experiment, und ich bitte Sie, wenn ich das sage, den unguten Beigeschmack, den das Wort „Beherrschung“ für uns hat, einmal zu vergessen. Ich bin durchaus dafür, dass die Ingenieure die Gesetze der Aerodynamik beherrschen, wenn sie ein Flugzeug bauen.

 

Ich halte Forschungen, die sich damit befassen, Gedanken zu lesen und zu kontrollieren, für unanständig und gefährlich.

 

Sie überspitzen aber „ein bisschen“ zu sehr, wenn Sie sagen, ich hätte die Wissenschaft insgesamt dämonisiert. Ich würde selbstverständlich, wenn ich einen Tumor im Hirn hätte, den besten Spezialisten aufsuchen, um mir helfen zu lassen, dankbar für alles, was die Hirnforscher im Laufe der Jahrhunderte herausgefunden haben. Ich glaube, das steht auch so in meinem Roman. Mein – völlig machtloser – Furor gilt all den Forschungen, die sich damit befassen, Gedanken zu lesen und zu kontrollieren. Ich halte diese Forschungen für unanständig und gefährlich. Experimente dieser Art sind aus Kriegs- und Geheimdienstforschung hervorgegangen, und wenn darüber gejubelt wird, dass es möglich sei, „dem Gehirn beim Denken zuzuschauen“, dann sollte man immer daran denken, dass es die einen sind, die dem Gehirn der anderen beim Denken zuschauen. Nebenbei bemerkt: natürlich denkt „das Gehirn“ überhaupt nicht, und nur Holzköpfe können Sätze formulieren wie: „Nicht das Ich, sondern das Gehirn entscheidet.“ Es ist lange her, dass ich mich über diesen kategorialen Unsinn geärgert habe, aber jetzt, wo Sie mich durch Ihre Fragen wieder auf das Thema bringen, kommt mein Zorn zurück.

 

Wir müssen uns immer wieder fragen, ob es nicht Dinge gibt, die wir gar nicht wissen sollten.

 

Um es noch einmal zu sagen: Es geht nicht gegen die Hirnforschung generell, sondern gegen eine bestimmte Art der Forschung, die ich für verbrecherisch halte, und die es auch von Anbeginn an war. Da hilft auch nicht das Argument des „dual use“. Forschung sei neutral, lautet das Argument, es komme nur darauf an, wie man mit den Ergebnissen umgehe. Aber bevor eine Forschung überhaupt begonnen wird, fallen Entscheidungen, die diese Forschungen erst möglich machen. Wenn ich die Wissenschaftler ihr Mantra von der „Neugier“ der Forscher aufsagen höre, die man nicht unterdrücken dürfe, dann kommen mir die Tränen – der Wut. Forschung mit riesigem Aufwand für immer neue Gehirnscanner wird nicht aus reiner Neugier betrieben, dahinter stehen politische, wirtschaftliche, geheimdienstliche, finanzielle Entscheidungen. Wohin die Reise geht, hat John Dylan Haynes auf einer Tagung des Deutschen Ethikrates sehr klar formuliert (siehe unten).

Ich muss aber, da bei der (auch meiner) Argumentation leicht etwas durcheinander gerät, zwei Aspekte von „Beherrschung“ deutlich unterscheiden:

1. Auftragsforschung im Dienste der Politik, der Geheimdienste, des Militärs, der Wirtschaft. Forschungen, deren Ziele von vornherein – sagen wir es neutral – fragwürdig sind. Dazu gehört zum Beispiel das Manhattan-Projekt. Oder die Entwicklung biologischer Kampfstoffe. Oder die Entwicklung einer Software wie Prism. Da geht es darum, dass eine Gruppe von Menschen eine andere beherrschen will und die Wissenschaft sich in den Dienst der allzu Mächtigen stellt.

2. Experimentelle Forschung schlechthin. Natürlich will der reine Wissenschaftler nichts als wissen und verstehen, aber er weiß und versteht ja im Sinne der Naturwissenschaft und ihres Kanons nur, wenn er den Prozess, um den es ihm geht, in einem Experiment zumindest modellhaft beherrscht. In diesem Sinne sind Naturverständnis und Naturbeherrschung rein methodisch nicht zu trennen. Und deswegen müssen wir uns immer wieder fragen, ob es nicht Dinge gibt, die wir gar nicht wissen sollten. Denn wenn der Geist erstmal in der Flasche ist, dann ist es um unsere Freiheit geschehen.

 

Gedankenverständnis im Sinne der Naturwissenschaft ist Gedankenkontrolle.

 

CG: Wenn wir einmal den negativ induzierten Begriff Gedankenkontrolle ausblenden und stattdessen von Gedankenverständnis sprechen: Dient die Hirnforschung nicht auch dem Ziel, das Bewusstsein zu entschlüsseln, also die Frage zu klären, was den Mensch zum Menschen macht? Oder lässt sich Bewusstsein nur intuitiv erfahren? Sind nicht auch die biologischen Grundlagen unverzichtbar für das Verständnis des Immateriellen – sofern es so etwas gibt? Beispiel Schwerkraft: Wir spüren zwar, dass wir nicht nach oben fallen, und unsere Erfahrung lehrt und, dass ein geworfener Stein wieder zu Boden fällt. Aber erst Newtons Gravitationsgesetze ermöglichten die klassische Mechanik – und damit letzten Endes viele Erfindungen, die das Leben der Menschen erleichtern.

JJ: Tut mir Leid, aber jetzt zwingen Sie mich, gebetsmühlenartig zu wiederholen:
Gedankenverständnis im Sinne der Naturwissenschaft IST Gedankenkontrolle. Die Frage nach der „Entschlüsselung des Bewusstseins“ ist mir zu unspezifisch. Es ist in meinen Augen in Ordnung, wenn man Erkenntnisse darüber hat, von welchen Arealen die Sprache gesteuert wird oder die Bewegungen oder die räumliche Wahrnehmung etc. Es ist in meinen Augen nicht in Ordnung, wenn man Gedanken lesen oder steuern will. Wobei das eine das andere impliziert. Ich wiederhole: Das „Rätsel des Bewusstseins“ lässt sich naturwissenschaftlich nur lösen, indem man das Bewusstsein (der Versuchspersonen, also anderer Menschen) beherrscht.

Was das „Immaterielle“ betrifft: das gibt es im Bezirk der Naturwissenschaften nicht, also muss sie davon schweigen.

Gottes Gehirn

CG: Sie schreiben von einem Programm namens Life Log, in dem alles, was ein Mensch tut, denkt und erlebt aufgezeichnet wird. Sind Sie erstaunt, dass die Realität mit der Enthüllung von Prism Ihre Fiktion einholt?

JJ: Wenn ich mich recht erinnere, dann war das Paket, vor dem ich gewarnt habe, die Kombination von Life Log und TIA (Total Information Awareness). Also die individuelle Aufzeichnung aller Gedanken und Taten eines Menschen von der Geburt bis zum Tod in einem digitalen Logbuch – kombiniert mit der totalen Überwachung durch einen Geheimdienst wie die NSA. Prism ist die Fortführung bzw. Wiederaufbereitung von TIA, ein Pentagon-Programm der DARPA, dem damals die Unterstützung durch den Kongress verweigert wurde, weil damit auch US-Bürger bespitzelt werden sollten. Hübsche Nuance war, dass TIA als Logo das Dreieck mit dem Auge darin gewählt hatte: Gott sieht alles. Aber Gott ist tot und als NSA (Nerd Sieht Alles) wieder auferstanden. Aber den meisten Menschen ist es offenbar wurscht, ob nun Gott oder die NSA alles sieht. Hauptsache, es schaut überhaupt jemand zu.

Nein, ich bin nicht erstaunt, dass die Realität meine Fiktion einholt. Die Fiktion war ja schon Realität, sie war ein real existierendes Programm. Ich wundere mich nicht einmal darüber, dass es so schnell ging. Es war alles eine Frage der Speicherkapazität und der Professionalität  der Geheimdienste, kombiniert mit der unfassbaren Dummheit der Menschen, die Sätze von sich geben wie „Ich hab ja nichts zu verbergen“ oder „Von mir aus können sie alles wissen, das stört mich nicht.“ Menschen, die ich bisher für intelligent gehalten habe. Als ob es nicht Berufe gäbe, in denen die Menschen durchaus etwas zu verbergen haben und auch haben müssen. Als ob es nur um ein paar private E-Mails ginge und nicht um die Grundpfeiler der Demokratie. Was wird aus der Pressefreiheit, wenn Journalisten ihre Quellen nicht mehr geheim halten können? Und wenn sie verfolgt werden, weil sie staatliches Unrecht an die Öffentlichkeit bringen? Was wird aus dem unabhängigen Gerichtswesen, wenn Anwälte die Kommunikation mit ihren Mandanten nicht mehr geheim halten können? Was wird aus dem Vertrauen zu unseren Politikern, wenn wir nicht mehr sicher sein können, dass sie nicht längst von den Geheimdiensten erpresst werden?

 

Das Argument in meinem Roman lautet: Die Frage nach dem freien Willen ist wissenschaftlich unentscheidbar.

 

CG: In der Kritik geht es um einen elitären Geheimclub, der nichts weniger im Sinn hat, als den Menschen durch Bewusstseins-Kontrolle gefügig zu machen. Die Amerikaner haben sich lange Zeit damit beschäftigt, die Russen auch und vermutlich sind noch viele andere Nationen mit solchen und ähnlichen Experimenten beschäftigt. Die Frage ist aber: Wozu sollte das gut sein? Was ist Sinn und Zweck von Gedankenkontrolle? Und wie kann ich mir die flächendeckend vorstellen? Bekommt jeder Mensch morgens eine Pille und tut dann das, was ihm von irgendeiner Regierungseinrichtung befohlen wird? Soll er damit zu einem angepassten Verhalten bewogen wird? Und wenn ja: Ist da nicht die Einführung der Demokratie genauso effektiv? Zuguterletzt: Wozu sollte die Hirnforschung das leisten, wenn man es ohne Chemie auch mit Ausspähprogrammen a la Prism erreichen kann, deren Datenflut ja auch zu einer Verhaltensvorhersage führen kann?

JJ: Um mit ihrer letzten Frage zu beginnen: Auch mir kommt die Bedrohung durch die Kontrolle und Speicherung all unserer Lebensdaten im Augenblick ungleich gefährlicher vor als die durch die Gedankenkontroll-Experimente der Hirnforscher. Ich habe mit der „Kritik der mörderischen Vernunft“ einen Thriller geschrieben und keinen Essay zu der Frage: Was ist die größte Gefahr für die Freiheit? Ausgangspunkt meines Interesses war damals der Ärger über Hirnforscher wie Gerhard Roth oder Wolf Singer, die die Köpfe mit Thesen wie „Der freie Wille ist eine Illusion“ vernebelten. Das Argument in meinem Roman lautet: Die Frage nach dem freien Willen ist wissenschaftlich unentscheidbar. Wer versucht, sie in dieser oder jener Weise zu beantworten, überschreitet seine Kompetenz als Wissenschaftler und begibt sich auf das Feld des Glaubens.

Also, um es noch einmal in aller Kürze zu twittern: Hirnforschung ist zur Zeit weniger gefährlich als NSA und Prism, aber wer weiß, was noch kommt.

Ihre Frage nach der „Einführung der Demokratie“ überrascht mich ein wenig in einer Zeit, in der wir auf dem Weg zu einer „repräsentativen Demokratie“ in dem Sinne sind, in dem man von repräsentativer Monarchie spricht. Die wirklich wichtigen Entscheidungen werden in Institutionen getroffen, die sich der parlamentarischen Kontrolle entziehen. Außerdem: Wenn man durch Einführung der Demokratie am besten ein angepasstes Verhalten erreicht – warum gibt’s dann immer noch so viele Diktaturen? Und warum haben die Geheimdienste einen so allumfassenden Kontrollauftrag?

Was meinen „Club“ als Modell des militärisch-wissenschaftlich-geheimdienstlich-wirtschaftlichen Komplexes betrifft: Es gibt ja solche Vereinigungen, aber ich habe jetzt keine Lust, mich wieder in die Ecke der Verschwörungstheoretiker zu begeben.

Schließlich: Was ist der Sinn von Gedankenkontrolle? Was soll der Unsinn? – Nun ja: Hirnscanner als Lügendetektor. Hirnscanner bei der Einreise in ein Land – die USA wären die ersten, die ihn einführten, wenn er ein erfolgreicher Terroristenscanner wäre. Hirnscanner in der Psychiatrie, um zu sehen, ob Herr X wieder richtig tickt. Und – gibt es nicht schon ein Patent für die direkte Verbindung des Computers mit dem Gehirn? Das eine schließt doch das andere nicht aus.

 

Priester der Wissenschaftskirche sind Leute wie Dawkins, Singer, Roth oder Genetiker, die den Menschen neu züchten wollen.

 

CG: Es fällt auf, dass Sie im Buch einen Zusammenhang zwischen der Debatte um den freien Willen und der Religionskritik, die von Richard Dawkins und seinem Gotteswahn angestoßen wurde, herstellen. An einer Stelle ist von den Verbrechen der Nicht-Religiösen an der Menschheit die Rede, an anderer lese ich: „Nur dass sie (die Club-Mitglieder) ihre magische Kraft nicht mehr aus dem gesprochenen Wort und der Schrift bezogen, sondern aus dem Magnetresonanztomographen, dem PET-Scanner und dem Computer.“ Sind die Hirnforscher von heute moderne Schamanen?

JJ: Die Gedankenkombination in „Kritik der mörderischen Vernunft“ war: 1. Terrorismus ist meist religiöser oder quasi-religiöser Terrorismus. 2. Religion, verstanden als mystisches Erlebnis, wird von Hirnforschern wie V. S. Ramachandran (ein wunderbar humorvoller Mann!) als Folge einer Schläfenlappenepilepsie erklärt. 3. Wissenschaftler wie Richard Dawkins ziehen mit quasireligiösem Eifer gegen die Religion zu Felde. 4. Wenn man die Pille gegen die Religion hätte, würde irgendwer sie einsetzen. In meinem Roman sagt ein General etwas wie: Reichern wir doch das Trinkwasser damit an und fertig!

Also, ich glaube nicht, dass es sowas geben wird. Aber wenn es das gäbe? Murphys Gesetz lautet, alles was schiefgehen kann, geht schief. Johlers Gesetz lautet, jedes Verbrechen, das man sich ausdenken kann, wird auch verübt.

Was den „Schamanismus“ betrifft: „Sie waren die neuen Priester“, heißt es in dem Roman. Priester der Wissenschaftskirche sind Leute wie Dawkins mit seinem „Gotteswahn“ und Singer & Roth mit ihrem „Der freie Wille ist eine Illusion“ oder Genetiker, die den Menschen neu züchten wollen, durchaus. Wohlgemerkt: Es geht nicht gegen Wissenschaftler, die ihre Grenzen kennen. Es geht gegen diejenigen, die nicht wissen, wo der Bezirk der Wissenschaft endet und der Bereich des Glaubens anfängt. Und gegen Wissenschaftler, deren Forschungen keinen anderen Sinn haben als Menschen zu beherrschen. „So weit sind wir noch nicht“, sagte der Hirnforscher John Dylan Haynes auf einer Tagung des Deutschen Ethikrates im Mai 2009, nachdem er das Bild von einer universellen Gedankenlesemaschine aus einem Science Fiction-Film gezeigt hatte. „Aber natürlich basteln wir daran.“

(cf meinen Bericht unter http://www.heise.de/tp/artikel/30/30432/1.html )

 

Kommen Sie mir nicht mit Libet!

 

CG: In Ihrem Artikel über die Tagung lese ich: „Manche Hirnforscher wollen uns dazu verführen, das ´Ich´ mit dem Gehirn gleichzusetzen. Was sie dabei übersehen, ist die Unvereinbarkeit der zwei Perspektiven: Die des Akteurs und die des Beobachters. Wer glaubt, er könne die Akteursperspektive aus der des Beobachters ableiten, das Subjektive aus dem Objektiven, der irrt. Was wir naturwissenschaftlich erforschen sind Abläufe, nicht Handlungen oder Entscheidungen. Wenn jedoch der Raum der Gründe auf den der Ursachen reduziert wird, ´dann muss sich der Mensch unverständlich werden´.“

Dazu möchte ich die Experimente von Benjamin Libet anführen, in denen festgestellt wurde, dass bereits vor der Bewusstwerdung einer willentlichen Entscheidung (zum Beispiel einen Finger zu heben) ein bestimmtes Areal im Gehirn Aktivität zeigt. Daraus wurde der Schluss gezogen, dass die Entscheidung darüber, ob eine Person den Finger hebt oder nicht, NICHT bewusst getroffen wird, sondern erst nachträglich vom Bewusstsein dazu gemacht wird, nach dem Motto: Es war meine Entscheidung, den Finger zu heben. Nehmen wir dieses Ergebnis ganz sachlich zur Kenntnis, bedeutet es erst einmal nichts anderes, als dass das Gehirn einen Ablauf initiiert hat (Hand heben). Das Ich tritt erst später auf den Plan und erklärt: Ich bin dafür verantwortlich! Muss ich da nicht zwangsläufig nach dem Zusammenhang fragen?

JJ: Das, was Sie zu Beginn Ihrer Frage zitieren, sollte eine Kurzfassung der Ansicht des Philosophen Ludgar Honnefelder sein, der auf dieser Tagung gesprochen hatte, aber ich stimme dem immer noch zu. Es gibt keinen Weg vom „Ich sehe, was für Prozesse in deinem Gehirn ablaufen“ zum „Ich denke“. Nichts anderes sagt übrigens Benjamin Libet in seinem Buch „Mind Time“, Suhrkamp 2005, S. 195. Da heißt es: „Aber Naturgesetze wurden von Beobachtungen physischer Gegenstände abgeleitet und nicht von subjektiven, mentalen Phänomenen. Letztere können nicht direkt beobachtet werden; sie sind innere Erlebnisse der Person, die sie hat. (…) Es gibt eine unerklärte Lücke zwischen der Kategorie der physischen Phänomene und der Kategorie der subjektiven Phänomene.“

Also kommen Sie mir nicht mit Libet. Und, um es noch einmal zu sagen: Das Gehirn kann keinen Ablauf initiieren, weil das Gehirn – naturwissenschaftlich betrachtet – ein Organ ist, in dem Prozesse ablaufen, mehr nicht. Und „das Ich“ wiederum – sorry, ich weiß nicht, was ein gehirnloses Ich sein soll. Ich weiß überhaupt nicht, was das Ich für ein Ding sein soll. Ich bin ich im Unterschied zu dir, aber ich „habe“ doch kein „Ich“.

Aber wenn ich mich schon auf diesen Millisekundenkram einlassen sollte: Ich hebe den Finger, und irgendjemand sieht in meinem Gehirn einen Prozess ablaufen, der ihm, bevor ich „ich will“ sage, verrät, dass ich den Finger heben werde – so what? Was meinen Sie, wie lange ich herumstottere, bevor ich den Gedanken, den ich längst gefasst habe, über die Lippen bringe. Da reichen Millisekunden nicht aus. Außerdem: Was ist denn dieses dumme Fingerheben für eine Entscheidung? Wie kriegen Sie mit dieser Spökenkiekerei der Hirnforscher die Entscheidung erklärt, dieses Interview zu führen? Oder über Jahre an einem Roman zu arbeiten? Oder wie erklären die Hirnforscher sich ihre eigenen Entscheidungen, wenn es um neue Apparate, Assistenten oder Honorare geht?

Nein, lassen Sie Libet aus dem Spiel, er hat es wirklich nicht verdient, immer wieder als Zeuge für etwas angeführt zu werden, was er gar bewiesen zu haben beanspruchte. Ich zitiere noch einmal: „Es ist töricht, auf der Grundlage einer unbewiesenen Theorie des Determinismus unser Selbstverständnis aufzugeben, dass wir eine gewisse Handlungsfreiheit haben und keine vorherbestimmten Roboter sind.“ (a.a.O. S.198) Wobei, wie Libet an anderer Stelle auch sagt, der Determinismus spätestens seit der Begründung der Quantenphysik ein überholtes Konzept ist. Kausalität und Determinismus sind ja nicht dasselbe. Hirnforscher, die von Determinismus sprechen, sind über den Stand von Wasserpfeifenmechanikern nicht hinausgekommen.

 

Ich glaube, Naturwissenschaftler haben viel weniger Berührungsangst vor Literatur und Philosophie als Literaten bzw. Geisteskulturmenschen vor den Naturwissenschaften.

 

CG: Der Schriftsteller C. P. Snow hat in seinem Essay Die zwei Kulturen die Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften beklagt. Gilt das auch noch heute? Welche Möglichkeiten könnte ein Austausch bieten? Was können die Naturwissenschaftler (zum Beispiel Hirnforscher) von den Geisteswissenschaftlern (zum Beispiel Schriftstellern) lernen? Aber auch: Was können die Geisteswissenschaftler von den Naturwissenschaftlern lernen?

JJ: Die Trennung der zwei Kulturen ist nicht zu beklagen. Sie hat etwas zu tun mit den Grundvoraussetzungen dieser Wissenschaften. Wobei die Angelsachsen ja klugerweise zwei Begriffe haben für „science“ und „humanities“. Geisteswissenschaftler – Schriftsteller, weiß ich nicht – können den Naturwissenschaftlern zeigen, wo ihr Zuständigkeitsbereich endet oder wo sie „Kategorienfehler“ begehen. Naturwissenschaftler können – ob sie es wollen oder nicht – durch ihre Entdeckungen das Weltbild Aller, also auch der Geisteswissenschaftler, revolutionieren. So wie Newton es getan hat. Oder Darwin. Oder Einstein. Oder Heisenberg. Was ich als Schriftsteller, der sich gründlich (soweit der Verstand reicht, versteht sich) mit beiden Bereichen beschäftigt hat, bedaure, ist, dass es auf dem Feld, auf dem ich mich bewege, nicht besonders viel gilt, etwas von Naturwissenschaften zu verstehen. Die Kollegen und Rezensenten haben wenig Ahnung von der Sache, und da sie nichts dazulernen wollen, sondern sich lieber mit so geheimnisvollen Dingen wie der „Sprache“ beschäftigen, wenden sie sich gleich wieder ab. Ich glaube, Naturwissenschaftler haben viel weniger Berührungsangst vor Literatur und Philosophie als Literaten bzw. Geisteskulturmenschen vor den Naturwissenschaften. Daher gelingt es unsereinem auch kaum, kämpferisch gegen kategorialen und katastrophalen Unsinn gewisser Naturwissenschaftler aufzutreten. Francis Fukuyama hat das in „Das Ende des Menschen“ sehr plastisch beschrieben: Die Geisteswissenschaftler in den Ethikräten buhlen um die Anerkennung der Naturwissenschaftler – während denen völlig wurscht ist, was die Geisteswissenschaftler von ihnen halten. Meine Beobachtung auf der oben erwähnten Tagung des Deutschen Ethikrates war die gleiche: Geisteswissenschaft ist für die Hardcore-Naturwissenschaftler ein Epiphänomen.

Die Stimmung der Welt

CG: Gerade ist Ihr Roman „Die Stimmung der Welt“ erschienen, in der es um Johann Sebastian Bach geht. Worum geht es in dem Roman und was hat Sie an dem Sujet gereizt?

JJ: Es geht darum, dass die abendländische Musik sich mit der wohltemperierten Stimmung von dem Traum einer Weltharmonik verabschiedet hat. Noch Kepler hatte versucht – in der Tradition von Pythagoras und Boethius – die harmonischen Proportionen, die auf unseren Instrumenten herrschen, auch in den Bewegungen der Planeten zu finden, und es war ihm auch bis zu einem gewissen Grad gelungen. Mit der wohltemperierten Stimmung, in der alle Töne (genauer: Intervalle) verfälscht werden, koppelt sich die musica instrumentalis ein für alle Mal von der musica mundana ab.

Der Protagonist dieses Aufbruchs in eine neue, nur noch weltliche Harmonik ist Johann Sebastian Bach. In meinem Roman ist er ein Sucher nach der Wahrheit, der, nachdem er das Wohltemperierte Klavier vollendet hat, in einen fundamentalen Zweifel gerät, von dem ihn nur die religiöse Wende zur Johannes-Passion erlöst. Aber der Roman zeigt auch sonst, wie die Stimmung der Welt sich verändert. Durch das Aufkommen einer neuen, bürgerlichen Öffentlichkeit in Oper, Zeitungen und Kaffeehäusern, durch neue Möglichkeiten der Normierung wie die Erfindung der Stimmgabel oder die Frequenzmessung und allgemein durch aufklärerische Ideen. Der Roman hält sich an die biographischen Fakten, aber da das Leben von Johann Sebastian Bach für uns vor allem aus biographischen Lücken besteht, bleibt Raum genug für Phantasie.

CG: Letzte Frage an einen neugierigen Menschen: Wenn Sie eine Frage beantwortet bekämen, egal von wem und egal was: Was würden Sie fragen?

JJ: Ich würde gern Petrus fragen, ob ich doch noch eine Chance habe, in den Himmel zu kommen.

 

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