Interview: Dr. Martin Mahner

Dr. Martin Mahner ist Biologe, Wissenschaftsphilosoph und Deutschlands einziger hauptamtlicher Skeptiker. Bei der GWUP leitet er das Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken.

 

“Die Parapsychologie forscht seit 150 Jahren, und es ist noch nie etwas dabei herausgekommen“

 

Christian Gailus (CG): Wer ist die GWUP? Welche Ziele hat sie?

Martin Mahner (MM): Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften hat sich zum Ziel gesetzt, Esoterik und Pseudowissenschaften einer kritischen Analyse zu unterziehen, die Öffentlichkeit über die Ergebnisse zu informieren und darüber aufzuklären, was es damit auf sich hat: Zu 99,9 Prozent nämlich gar nichts.

CG: Und gelingt Ihnen die Aufklärung?

MM: Aufklärung gelingt natürlich nie sofort oder perfekt, aber ich denke, wie sind auf einem guten Weg, immer mehr Menschen zu erreichen, zum Beispiel über Social-Media-Aktivitäten wie Facebook und Twitter, aber auch über Konferenzen oder unsere Zeitschrift SKEPTIKER.

 

„Parawissenschaften gehen von kuriosen Annahmen aus.“

 

CG: Bitte definieren Sie den Begriff Parawissenschaften.

MM: Parawissenschaften sind Bereiche, die außerhalb der Wissenschaften stehen und deren Theorie und Praxis weitgehend durch illusionäres Denken gekennzeichnet sind. Dazu gehört alles von A wie Astrologie bis Z wie Zelltherapie. Man darf sich aber auch fragen, inwieweit Bereiche anerkannter Wissenschaften dazugehören. Bei der Theologie könnte man darüber streiten, inwieweit es sich dabei um eine echte Wissenschaft handelt. Oder bei Teilen der Wirtschaftswissenschaft.

CG: Wodurch zeichnen sich Parawissenschaften aus?

MM: Bei den Parawissenschaften im strengen Sinne ist es so, dass es zumindest einige kuriose Annahmen gibt, die mit den Grundprinzipien des naturalistisch-wissenschaftlichen Denkens nichts zu tun haben. Man erkennt das häufig an dem Versuch, 400 Jahre Wissenschaft einfach so vom Tisch wischen zu wollen. Es behauptet ja niemand, dass alle wissenschaftlichen Erkenntnisse richtig sind. Das geht  auch gar nicht, sonst könnte sich die Wissenschaft auch gar nicht weiterentwickeln. Aber dass alles falsch ist, kann man eben auch nicht behaupten. Leute wie Sheldrake fordern eine Totalrevolution und wollen alles umschmeißen, was die bösen materialistischen Wissenschaften proklamieren. Viele Leute in den Parawissenschaften sind dadurch motiviert, dass sie den Materialismus widerlegen wollen. Weil da das geistige, immaterielle Element, das sie sich wünschen, fehlt.

 

„Das Preisgeld ist schon ein Motiv.“

 

CG: Ein bis zwei Mal im Jahr veranstaltet die GWUP einen Test, bei dem Parawissenschaftler ihre angeblichen Fähigkeiten wissenschaftlich untersuchen lassen können. Was motiviert die Kandidaten zur Teilnahme?

MM: Da ist einmal die Tatsache, dass man ein Preisgeld gewinnen kann, bei der GWUP sind das 10.000 Euro, beim Test der belgischen SKEPP ist es dieses Jahr sogar eine Million. Manche möchten auch einfach wissen, ob sie es wirklich können, in dem Sinne, dass sie sich bei uns so eine Art Gütesiegel abholen wollen. Andere sind von sich überzeugt und wollen auch uns von ihren Fähigkeiten überzeugen. Ein kleiner Teil weiß selber nicht so genau, warum es funktioniert, und die wollen es einfach mal überprüft haben; die glauben zum Teil selber nicht daran, sind jedoch verblüfft und wünschen sich dann eine Erklärung. Aber das ist eher selten. Die meisten Bewerber haben jahrelange Erfahrung und wollen ihrer Sache zum Durchbruch verhelfen, indem sie ihre Fähigkeiten demonstrieren – und auch noch gleich das Preisgeld mitnehmen.

CG: In zehn Jahren hat es noch keiner geschafft. Sind die Kandidaten überrascht?

MM: In aller Regel sind die Leute erst einmal verblüfft: Da kann doch was nicht stimmen. Bei einigen kommen dann sehr schnell Erklärungen, warum es nicht funktioniert hat oder unter unseren Bedingungen nicht funktionieren konnte. Deshalb führen wir immer einen unverblindeten Vor– und Nachtest durch, der immer funktioniert. Wenn die Erklärungen nicht gleich kommen, kommen Sie ein paar Tage später per E-Mal oder Brief. Manchmal sind auch die Begleitpersonen der Kandidaten hilfreich beim Erfinden von Ausreden. Je nach Persönlichkeitsstruktur gehen sie entweder nachdenklich nach Hause, in seltenen Fällen können sie auch mal böse werden, weil sie meinen, wir hätten sie beschwindelt. Aber wir haben ja die Naturgesetze auf unserer Seite – da brauchen wir nicht nachhelfen.

CG: Ist es prinzipiell denkbar, dass jemand den Test irgendwann besteht?

MM: Darauf gibt es zwei Antworten. Es wäre natürlich möglich, den Test aus Zufall zu bestehen. Auch wenn jemand überhaupt keine Fähigkeiten hat, könnte er, wie beim Lotto auch, durch reines Raten zufällig richtig liegen. Die zweite Antwort wäre, dass jemand tatsächlich über bestimmte Fähigkeiten verfügt. Das würde ich zwar für unplausibel halten, aber wenn er die Fähigkeiten hat, ist unser Test so fair aufgebaut, dass er sie zu neunundneunzig Prozent zeigen könnte.

 

„Eine übersinnliche Informationsverarbeitung wäre ein Selektionsvorteil.“

 

CG: Was würde es bedeuten, wenn jemand den Test besteht?

MM: Das würde zunächst gar nichts bedeuten, denn es könnte ja auch ein Zufallstreffer gewesen sein. Es wäre auch möglich, dass wir einen methodischen Fehler gemacht haben, etwa dass die Doppelblindanordnung nicht absolut eingehalten wurde. Oder der Kandidat könnte getrickst haben, und wir haben es nicht bemerkt. Zu guter Letzt könnte er tatsächlich eine bestimmte Fähigkeit besitzen. Das heißt, die einzige Antwort wäre: Noch mal testen. Und noch mal testen. Wenn das Ergebnis dann immer noch positiv ist, müsste man sich schon fragen, welche Fähigkeit dahinter steckt. Ist es tatsächlich eine übersinnliche, oder gibt es eine natürliche Erklärung, die wir aber bislang übersehen haben? Beim ersten positiven Ergebnis wäre ich aber noch nicht beunruhigt.

CG: Glauben Sie, dass Sie persönlich es noch mal erleben werden, dass jemand den Test besteht und damit bewiesen wird, dass es übersinnliche Fähigkeiten gibt?

MM: Ich habe da keine Hoffnung. Ich glaube nicht, dass es solche Mechanismen gibt. Die Parapsychologie macht ja schon seit 150 Jahren solche Untersuchungen, und es ist noch nie etwas dabei herausgekommen. Und alles, was wir von den Naturwissenschaften wissen, deutet darauf hin, dass es eine übersinnliche Informationsverarbeitung nicht gibt. Ich würde annehmen, wenn Tiere oder Menschen schon früh solche Fähigkeiten gehabt hätten, hätte sich das evolutionär ausgewirkt, denn das wäre ein Selektionsvorteil gewesen. Dann wäre diese Fähigkeit auch heute präsent und könnte praktisch genutzt werden.

 

„Wir bewirken etwas – das motiviert mich.“

 

CG: Sie sind seit 25 Jahren in der GWUP: Was motiviert Sie, diese Arbeit zu machen?

MM: Ich habe mich schon als Student gefragt, wieso Menschen absurde Dinge glauben. Ich habe Biologie studiert und meine Staatsexamensarbeit über Kreationismus geschrieben, so dass ich früh für denBereich Parawissenschaften sensibilisiert war. Als ich dann von der Idee hörte, eine skeptische Vereinigung zu gründen, habe ich an dem Treffen teilgenommen und wurde damit Gründungsmitglied der GWUP.

CG: Wenn ich über die GWUP nachdenke, kommt mir das Bild von Sisyphos in den Sinn, der stoisch den Stein den Berg hinaufrollt, obwohl er weiß, dass er wieder herunterrollen wird. Was motiviert Sie, auch nach 25 Jahren weiterzumachen?

MM: Sie haben mit Sisyphos teilweise Recht. Aber wir haben den Eindruck, dass der Stein, wenn er herunterrollt, ein klein wenig höher liegen bleibt, sodass wir ihn zumindest in sehr kleinen Schritten nach oben bewegen.

CG: Sie bewirken also etwas?

MM: In kleinen Schritten, ja.

CG: Was?

MM: Eine gewisse Sensibilisierung für den skeptischen Aspekt. Es gibt immer mehr Leute die wissen, dass es auch noch eine skeptische Seite gibt. Ich bekomme auch Zuschriften von Leuten, die irgendwie von uns gehört haben und die fragen: Soll ich mir für 3000 Euro diese Magnetmatratze kaufen oder nicht? Auf diese Weise haben wir auch im individuellen Bereich Erfolg.

 

„Ich vermeide es, meine zynischen Gedanken nach außen zu tragen.“

 

CG: Wie sorgen Sie dafür, aufgeschlossen zu bleiben und nicht zynisch zu werden?

MM: Dazu gehört eine gewisse Disziplin. Selbst wenn mir gelegentlich zynische Gedanken kommen, vermeide ich es, diese nach außen zu tragen. Bei manchen Dingen stellt sich allerdings schon mal eine gewisse Ermüdungserscheinung ein. Esoterik und Parawissenschaften kommen wie vieles andere in Mode-Wellen. Und gerade wenn man denkt, dass ein Thema überwunden ist, kommt es nach zehn Jahren wieder. Und man fängt wieder von vorne an…

CG: Wenn Sie eine Frage beantwortet bekommen würden, egal welche und durch wen: Was würden Sie fragen?

MM: Das wäre vermutlich sowas wie „Welche Kosmologie und welche Metaphysik (im Sinne einer wissenschaftlichen Ontologie) ist die richtige?“ Leider kann das keiner beantworten. Dazu muss man vielleicht wissen, dass ich 2004 mit meinem Philosophie-Lehrer Mario Bunge ein Buch über den Materialismus als Hintergrundphilosophie der Wissenschaften geschrieben habe mit dem Titel Über die Natur der Dinge in Anlehnung an den antiken Materialismusklassiker von Lukrez. Auch wenn wir ziemlich sicher sind, dass wir damit richtig liegen, wäre es schön, wenn wir dazu Gewissheit hätten. Doch hier wie in den Wissenschaften müssen wir mit einer Restunsicherheit leben.

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2 thoughts on “Interview: Dr. Martin Mahner

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