Interview: Dr. Rainer Wolf

Dr. Rainer Wolf ist Biologe, Wahrnehmungsforscher und Hobbyzauberer.

 

„Wir Menschen sind abergläubisch, weil Tiere es sind – und von denen stammen wir ja ab“

 

Christian Gailus (CG): Was sagt Ihnen die Zahl 137?

Rainer Wolf (RW): (denkt nach) Da muss ich jetzt passen.

CG: Die Feinstrukturkonstante.

RW: Ah ja, richtig. Ich hab mir die Zahl nicht gemerkt, aber ich kenne die Konstante als solche.

CG: Wolfgang Pauli war besessen von der Zahl. Die Beschäftigung mit ihr beunruhigte ihn so sehr, dass er sich in Therapie bei C. G. Jung begab, worauf die beiden in enger Kooperation nach Wegen suchten, Physik und Psychologie miteinander zu vereinen. Pauli erhoffte sich dadurch tiefere Einsichten in das Sein und die Natur – und damit auch in die Physik.
Angenommen, es gibt da etwas, das mit den heutigen der Wissenschaft zur Verfügung stehenden Methoden nicht nachzuweisen ist, nennen wir es mal den feinstofflichen Bereich: Sind wir mit der heutigen Stoßrichtung der Wissenschaften auf dem richtigen Weg, ihn zu entdecken?

RW: Ich glaube ja. Es wäre falsch, wenn man sagen würde, wir kennen nur die Materie und Feinstoffliches kann es nicht geben, Feinstoffliches ist zwar nach heutigem Wissen ein reines Phantasieprodukt. Aber: Wenn es solche feinstofflichen Phänomene wirklich geben sollte, müssten sie sich auch objektiv nachweisen lassen. Das Problem ist: Widerlegen kann man ihre Existenz nicht. Ich kann nicht beweisen, dass es feinstoffliche Materie nicht gibt. Man kann im strengen Sinne nie beweisen, dass es irgendetwas nicht gibt.

 

„Aberglaube ist ein Selektionsvorteil.“

 

CG: Wieso sind viele Menschen so empfänglich für alternative Betrachtungsweisen, wie sie beispielsweise die Esoterik oder die Parawissenschaften bieten?

RW: Das hängt vor allem damit zusammen, dass wir von Tieren abstammen. Und Tiere verhalten sich abergläubisch. Wenn sich ein Lebewesen in einer Gefahrensituation fühlt, sich dann in einer bestimmten Art und Weise verhält und diese Situation überlebt, dann tut es gut daran, dieses Verhalten beizubehalten. Das ist der Selektionsvorteil, der zu abergläubischen Überzeugungen und zu abergläubischem Verhalten führen kann. Gefühlsmäßig steckt diese Veranlagung („post hoc ergo propter hoc“) tief in uns Menschen drinnen, und es ist sehr schwer, dagegen anzugehen. Der Physiker Niels Bohr erzählte gerne folgende Geschichte: Sein Nachbar hatte über seinem Haus ein Hufeisen hängen. Als Bohr ihn fragte, ob er so abergläubisch sei, dass er glaube, dass ihm das Glück bringe, sagte der Nachbar: „Nein, natürlich nicht! Aber man sagt, dass es auch hilft, wenn man nicht daran glaubt.“
Daran sieht man, dass solche Neigungen tief in uns stecken und uns daran hindern können, rational zu handeln. Wir fühlen uns zwar gern als völlig rational beherrschte Lebewesen. Aber die Entscheidungen, die wir treffen – das hat die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten immer mehr herausgearbeitet – treffen wir vor allem emotional. Das bekommt man gar nicht mit. So wie man auch nicht mitbekommt, dass man das eigene Handeln nicht so steuern kann, wie man meint. Wenn ich denke, ich hebe jetzt aus freien Stücken meine Hand, und tue es dann auch, ist es in Wirklichkeit so, dass mein Gehirn die Entscheidung schon eine halbe Sekunde vorher getroffen hat. Ich habe zwar das Gefühl, über die Bewegung aus freiem Willen entschieden zu haben. Aber faktisch habe ich das getan, was mir mein Gehirn vorgegeben hat.

 

„Auch Religion ist Aberglaube.“

 

CG: Wie steht es mit Religion? Ist Religion nicht auch Aberglaube?

RW: Ich würde sagen ja. Genauer: Immer dann, wenn religiös begründete Aussagen mit verlässlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen kollidieren. Prinzipiell widerlegen lassen sich bestimmte religiöse Vorstellungen und Phänomene zwar nicht, aber wenn es sie wirklich gäbe, wenn sie also die Realität zutreffend beschreiben würden, müsste man das auch nachweisen können. Wenn man mit Fürbittegebeten also Kranke heilen könnte, müsste man das auch nachweisen können. Das hat man untersucht, und es hat – bei doppelter Verblindung – nicht funktioniert.

CG: Ich habe von einem Experiment gelesen, bei dem es sogar umgekehrt war: Den Kranken, die wussten, dass für sie gebetet wurde, ging es schlechter als denen, die es nicht wussten, weil sie glaubten, sie hätten die Gebete besonders nötig.

RW: Aberglaube führt – nüchtern gesagt – zu falschen Hypothesen, er bietet falsche Erklärungen an für die Phänomene in dieser Welt. Auch wissenschaftliche Irrtümer gehören dazu. Es gab ja z.B. die „N-Strahlen“, die der französische Physiker Blondlot entdeckt hat – das war kurz nachdem Röntgen die nach ihm benannten Strahlen entdeckt hatte. Da wollten die Franzosen auch mithalten. Blondlot war überzeugt, diese Strahlen gesehen zu haben, und sie konnten sogar durch ein Aluminiumprisma in ein Spektrum zerlegt werden. Aber das Ganze war dennoch fiktiv. Das hat dann ein Amerikaner aufgedeckt, der bei einem Versuch heimlich das Prisma entfernt hat, aber die Wissenschaftler konnten die Aufspaltung immer noch „sehen“.
Sicher gibt es viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die nicht in den Büchern stehen, noch nicht, weil man sie noch nicht kennt. Aber es gibt auch verdammt viele Dinge, die in Büchern stehen, die es zwischen Himmel und Erde nicht gibt. Und zwischen den beiden zu unterscheiden, das ist die große Kunst.
Der ganz entscheidende Vorteil der Wissenschaft ist, dass sie sich selbst korrigiert. Als Menschen machen natürlich auch Wissenschaftler Fehler. Aber irgendwann kommt jemand und widerlegt die falsche Hypothese. Im Gegensatz zu Parawissenschaften. Die Homöopathie hat sich seit Hahnemanns Zeiten kaum verändert. Sie hat nicht dazugelernt, während die wissenschaftliche Medizin ganz enorm dazugelernt hat. Bei sogenannter Alternativmedizin ist deshalb großes Misstrauen geboten.

 

„Wieso sehen wir die Farbe Rot?“

 

CG: Wenn Sie eine Frage beantwortet bekommen würden, egal welche und durch wen: Was würden Sie fragen?

RW: Mich würden zwei Sachen sehr interessieren. Einmal: Wieso sehen wir die Farbe Rot, wenn Licht mit einer Wellenlänge von 600 nm auf unsere Netzhaut fällt? Das ist praktisch die Frage nach dem Verhältnis von Körper und Geist. Warum haben wir bestimmte Wahrnehmungen, wenn im Körper ganz bestimmte Prozesse ablaufen? Warum sehen wir rot? Das kann niemand beantworten, und sehr wahrscheinlich wird man es auch nie beantworten können. Es ist vermutlich eine falsch gestellte Frage. Um Rot wahrzunehmen, muss man ein wahrnehmendes neuronales System sein, das einfallendes Licht der Wellenlänge 600 nm verarbeitet. In der vollständigen Beschreibung dessen, was passiert, wenn man Rot sieht, kommt die Wahrnehmung Rot überhaupt nicht vor. Aber warum es sich dennoch so anfühlt, wie es sich anfühlt, wenn man Rot sieht, ist damit nicht erklärt. Das bedeutet nicht, dass es da magisch oder metaphysisch zugeht. Wahrnehmungsinhalte sind, wie alle Qualia, eine emergente Systemeigenschaft von Daten verarbeitenden Gehirnen. Wahrscheinlich kann man meine Frage also gar nicht beantworten.

CG: Und was ist die andere Frage?

RW: Mich würde es sehr interessieren, wie mögliches Leben auf anderen Planeten aussähe.

CG: Sie könnten sich vorstellen, dass es Leben auf anderen Planeten gibt?

RW: Das kann ich mir gut vorstellen.

CG: Eine Frage der Wahrscheinlichkeit.

RW: Ja. Wenn ich wetten müsste, würde ich mit einem Wetteinsatz – nicht sehr hoch, aber deutlich über fünfzig Prozent – dafür votieren, dass es auch woanders Leben gibt.

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2 thoughts on “Interview: Dr. Rainer Wolf

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